Die Anfänge der Schweizer Sonderabfallentsorgung
Die heutige Sonderabfallentsorgung in der Schweiz ist das Ergebnis einer Entwicklung, die sich über mehrere Jahrzehnte vollzogen hat. Als Ursula Kaiser, ehemalige Geschäftsführerin der Chiresa, 1986 von Deutschland in die Schweiz zog, befand sich die Branche noch in einer frühen Entwicklungsphase: „In den 1980er- und 1990er-Jahren lag der Schwerpunkt in der Schweiz noch stark auf der Abfallsammlung. Die Sonderabfälle wurden zur Behandlung teilweise nach Deutschland exportiert.“
Gleichzeitig wurde das Schweizer Umwelt- und Abfallrecht neu geregelt. Verfahren, die sich zuvor an den deutschen Vorgaben orientierten, mussten an die schweizerischen Anforderungen angepasst werden. Bewilligungen, geeignete Standorte und eigene Behandlungsmöglichkeiten wurden zunehmend zu zentralen Voraussetzungen für Entsorgungsunternehmen. Auch die Chiresa entwickelte bereits zu dieser Zeit Lösungen für unterschiedliche Abfallströme und baute ihre Kompetenzen im Laborbereich weiter aus. Damit wurden wichtige Grundlagen für eine eigenständige und spezialisierte Sonderabfallentsorgung in der Schweiz geschaffen.
Eigene Anlagen und neues Know-how verändern die Branche
Mit dem Aufbau eigener Behandlungskapazitäten entwickelte sich die Schweizer Sonderabfallentsorgung Schritt für Schritt zu einer eigenständigen Fachbranche. Unternehmen investierten nicht nur in Anlagen, sondern auch in chemisches und technisches Know-how. Abfälle mussten analysiert, geeignete Behandlungsverfahren ausgewählt und Lösungen für immer komplexere Stoffströme entwickelt werden. Für viele Herausforderungen gab es zunächst keine Standardverfahren, denn diese mussten erst erarbeitet werden.
„Oft reichte es nicht aus, bestehende Verfahren anzuwenden. Stattdessen mussten wir neue Konzepte erarbeiten und teilweise sogar eigene Anlagen bauen“, erklärt Ursula Kaiser. So entwickelte sie gemeinsam mit ihrem Team in den Anfangsjahren der Chiresa spezielle Dekontaminationsverfahren für Industrieanlagen, die mit gefährlichen Stoffen belastet waren. Darüber hinaus wurden individuelle Lösungen für aussergewöhnliche Sonderabfälle erarbeitet – beispielsweise für die sichere Behandlung eines stark kontaminierten Wärmetauschers aus der chemischen Industrie. Ein Wärmetauscher ist ein Bauteil in Produktionsanlagen, das zum Erwärmen oder Kühlen von Flüssigkeiten und Gasen dient und durch Produktionsrückstände mit gefährlichen Stoffen belastet sein kann. Diese Bereitschaft, neue Wege zu gehen, trug wesentlich zur Weiterentwicklung der Schweizer Sonderabfallentsorgung bei.
Von der Entsorgung zur Rohstoffrückgewinnung
Mit dem technischen Fortschritt veränderte sich nicht nur die Behandlung von Sonderabfällen, sondern auch der Blick auf die darin enthaltenen Materialien. Stoffe, die früher ausschliesslich als Abfall galten, wurden zunehmend als Rohstoffquelle betrachtet. Mit der Weiterentwicklung der Behandlungsverfahren konnten aus bestimmten Sonderabfällen zunehmend Metalle und andere Bestandteile separiert und weiterverarbeitet werden.
„Ein gutes Beispiel sind Galvanikschlämme, Metallhydroxidschlämme und Salze aus der Oberflächenbehandlung. In den 1970er-Jahren wurden diese aufgrund ihres hohen Schwermetallgehalts noch gemeinsam mit dem Hauskehricht deponiert. Mit strengeren gesetzlichen Vorgaben entstanden zunächst Verfahren zur Immobilisation, bei denen Schadstoffe dauerhaft gebunden werden, sowie zur Trocknung der Abfälle, bevor schliesslich moderne Recyclingverfahren entwickelt wurden.“ erklärt Ursula Kaiser.
Die Entwicklung verdeutlicht den Wandel der Branche: Neben der sicheren Behandlung und Beseitigung von Sonderabfällen wurden für einzelne Abfallströme neue Verfahren entwickelt. So konnten beispielsweise aus Galvanikschlämmen und Metallhydroxidschlämmen Metalle wie Zink, Nickel oder Kupfer zurückgewonnen werden.
Aus einzelnen Lösungen wurde ein umfassendes Leistungsangebot
Was mit einzelnen Behandlungslösungen für spezifische Sonderabfälle begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem breit aufgestellten Leistungsangebot. Neben der Behandlung unterschiedlichster gefährlicher Abfälle gewannen auch Laboranalysen, Logistik, Beratung und die Entwicklung individueller Entsorgungskonzepte zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig kamen immer neue Abfallströme hinzu, für die passende Verfahren und Behandlungswege entwickelt werden mussten.
„Das war beispielsweise bei Elektrobatterien aus dem Automotiv Bereich der Fall. Dort mussten zunächst Konzepte entwickelt und neue Wege gefunden werden. Dabei haben wir immer den Austausch mit anderen Unternehmen gesucht – auch über Landesgrenzen hinweg mit Partnern aus Deutschland oder Frankreich. Und das immer mit dem Ziel, etwas Eigenes für die Schweiz aufzubauen“, erinnert sich Ursula Kaiser.
Diese Entwicklung spiegelt sich heute im Leistungsspektrum der REMONDIS Schweiz AG wider. Im Bereich der gefährlichen Abfälle bietet die Chiresa Lösungen für die Analyse, Klassifizierung, Sammlung, den Transport sowie die Behandlung unterschiedlichster Sonderabfälle, darunter auch das Dismantling von Elektrobatterien. Ergänzt wird das Angebot durch Beratungsleistungen und die Entwicklung individueller Entsorgungskonzepte für Industrie, Gewerbe und öffentliche Auftraggeber.
Mit der REMONDIS Recycling AG deckt die Unternehmensgruppe darüber hinaus auch den Bereich der ungefährlichen Abfälle und Wertstoffe ab. Das Leistungsspektrum umfasst unter anderem die Sammlung und Verwertung von Papier, Karton, Kunststoffen, Metallen, Holz, Glas und weiteren Wertstoffen sowie individuelle Entsorgungs- und Recyclinglösungen für Unternehmen und Gemeinden. Gemeinsam bieten beide Unternehmen heute ein umfassendes Portfolio entlang unterschiedlichster Abfallströme.
Die nächsten Herausforderungen stehen bereits vor der Tür
Die Entwicklung der Sonderabfallentsorgung ist längst nicht abgeschlossen. Neue Produktionsverfahren, gesetzliche Anforderungen und bislang weniger erforschte Stoffe stellen die Branche kontinuierlich vor neue Aufgaben. Ein aktuelles Beispiel sind per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS). Aufgrund ihrer hitze- und chemikalienbeständigen sowie wasser- und fettabweisenden Eigenschaften kommen sie unter anderem in Feuerlöschschäumen, Antihaftbeschichtungen, Imprägnierungen, Textilien, Lebensmittelverpackungen und verschiedenen Industrieanwendungen zum Einsatz. Da PFAS sehr langlebig sind und ihre Verwendung zunehmend reguliert wird, gewinnen geeignete Behandlungs- und Entsorgungslösungen für PFAS-haltige Abfälle weiter an Bedeutung.
„Ich würde dazu raten, offen für neue Herausforderungen zu bleiben. In unserer Branche entstehen immer wieder neue Stoffströme und Anforderungen. Wir haben deshalb versucht, nie vorschnell ‚Nein‘ zu sagen, sondern uns mit neuen Themen auseinanderzusetzen und nach Lösungen zu suchen“, fasst Ursula Kaiser ihre Erfahrungen zusammen.
Dieser Grundsatz hat die Entwicklung der Schweizer Sonderabfallentsorgung über Jahrzehnte geprägt. Er zeigt, dass Fortschritt nicht allein durch neue Technologien entsteht, sondern vor allem durch Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, ihr Fachwissen einzubringen und gemeinsam neue Lösungen zu entwickeln.
Quellen:
- REMONDIS Industrie Service: Wissen: Abfalllexikon: PFAS-Chemikalien. Link
- Chiresa: Kompetenzen: Entsorgung und Verwertung von Sonderabfällen. Link
Bildnachweis: Ursula Kaiser