Kristin Doppelreiter, Ihr beruflicher Weg hat Sie von Österreich in die Schweiz geführt. Was fasziniert Sie bis heute an der Abfall- und Recyclingbranche?
Während meines Studiums der Wirtschafts- und Umweltwissenschaften in Österreich bin ich eher zufällig in die Abfallwirtschaft eingestiegen. Ich habe in einer Kunststoffsortieranlage in Graz gearbeitet und dort Führungen für unterschiedliche Stakeholdergruppen gemacht. Das war mit Abstand der coolste Studentenjob, den ich mir vorstellen konnte. Man ist sehr nah an den Bürgerinnen und Bürgern und sieht, was das Wissen über Abfall bei den Menschen auslöst.
Das war ein spannender Einstieg, der mein Interesse an der Abfallwirtschaft nachhaltig geprägt hat. Gleichzeitig habe ich schnell erkannt, dass Abfall weit mehr ist als ein Nebenprodukt unseres Alltags. Themen wie Ressourcenknappheit, Energieverbrauch oder Klimawandel hängen direkt damit zusammen. Diese Perspektive hat mich nicht mehr losgelassen: Abfall nicht nur als etwas zu sehen, das entsorgt werden muss, sondern als wertvolle Ressource, die es sinnvoll zu nutzen gilt.
Nach meiner Masterarbeit in Frankreich, bei der ich mich mit dem Zusammenspiel von Abfall und Tourismus beschäftigt habe, führte mein Weg mich schliesslich in die Schweiz. Heute bin ich seit fast fünf Jahren bei REMONDIS Schweiz und beschäftige mich täglich mit genau diesen Themen, aus einer ganz neuen Perspektive heraus.
Als Leiterin des Geschäftsbereichs REMED: Was macht das Abfallmanagement im Gesundheitswesen für Sie so besonders und was fasziniert Sie persönlich an REMED?
REMED als Geschäftsbereich der Chiresa AG ist für mich aus mehreren Gründen besonders spannend. Zum einen bewegen wir uns im Gesundheitswesen in einem Bereich mit sehr hohen Anforderungen. Unsere Entsorgungsdienstleistungen müssen im Hintergrund funktionieren: leise, zuverlässig und so integriert, dass der laufende Betrieb in Spitälern oder Praxen nicht gestört wird und Patientinnen und Patienten, sowie das medizinische Fachpersonal nicht mit dem Thema Abfall in Berührung kommen.
Ausserdem bewegen wir uns in einem komplexen Spannungsfeld. Einerseits geht es um Kreislaufwirtschaft und unsere Kundinnen und Kunden erwarten nachhaltige Lösungen, zum anderen sprechen wir von Sonderabfall, der sicher behandelt werden muss. Diese Kombination erfordert eine enge Abstimmung mit unterschiedlichsten Stakeholdern und macht die tägliche Arbeit sehr abwechslungsreich.
Besonders fasziniert mich die Entwicklung von REMED selbst. Ich durfte den Geschäftsbereich seit 2022 von Beginn an mit aufbauen und mitgestalten – von der strategischen Ausrichtung bis hin zur Besetzung des Teams. Aktuell befinden uns in einem starken Transformationsprozess, in dem sich viele Strukturen und Prozesse weiterentwickeln. Diese Veränderung aktiv mitbegleiten zu können und dabei jeden Tag Neues zu lernen, ist für mich auf einer persönlichen Ebene unglaublich bereichernd. Dazu kommt ein sehr motiviertes Team, das wir in den letzten Jahren aufgebaut haben. Ich bin sehr gespannt, was wir in Zukunft gemeinsam erreichen werden.
In Deutschland REMONDIS Medison, in der Schweiz REMED: Wie unterscheidet sich REMED im Abfallmanagement von klassischen Entsorgungslösungen im Gesundheitswesen?
Der zentrale Unterschied liegt im Ansatz: Während viele Entsorgungsmodelle innerhalb der Branche stark nach Abfallarten getrennt sind, verfolgt REMED einen ganzheitlichen Ansatz. Wir sind im Gesundheitswesen der zentrale Ansprechpartner für alle Abfallströme – und genau darin liegt auch der Unterschied zu anderen Strukturen, wie man sie beispielsweise auch aus Deutschland kennt. Dort erfolgt die Organisation häufig stärker entlang einzelner Abfallfraktionen oder spezialisierter Bereiche. REMED hingegen bündelt diese Komplexität bewusst und tritt als „one face to the customer“ auf. So stellen wir sicher, dass alle Abfallströme aus Spitälern, Kliniken und Arztpraxen über einen Ansprechpartner abgedeckt werden – egal ob Chemikalien, pathologische Abfälle, Karton oder Kunststoff. Die Koordination der Abfallströmen übernehmen wir im Hintergrund und eng mit REMONDIS-Familienunternehmen sowie Partnern in der ganzen Schweiz zusammen.
Zudem besteht ein sehr enger Austausch mit REMONDIS MEDISON, insbesondere zu neuen Projekten, Innovationen und möglichen Weiterentwicklungen im Gesundheitswesen. REMONDIS Medison bringt aufgrund ihres Anlagennetzes in Deutschland andere technische und infrastrukturelle Möglichkeiten mit, die auch für die Schweiz von grossem Interesse sind. Zum Beispiel in den Bereichen Sterilisation und Autoklavierung von Einwegmaterialien. Ziel ist es, gemeinsam Lösungen weiterzudenken und neue Dienstleistungen langfristig auch für den Schweizer Markt zu entwickeln.
REMED versteht sich als Partner statt als klassischer Entsorger: Wie lebt REMED den partnerschaftlichen Ansatz im Abfallmanagement?
Der Partnergedanke ist ein zentraler Bestandteil unseres Selbstverständnisses und das Ergebnis eines klaren Paradigmen- und Kulturwechsels innerhalb des Geschäftsbereichs. REMED versteht sich bewusst nicht als klassischer Entsorger, der Abfälle lediglich abholt und entsorgt, sondern als Dienstleister mit einem ganzheitlichen Anspruch. Im Mittelpunkt stehen dabei immer der Kunde und die Kundin – nicht im klassischen Sinne „der Kunde ist König“, sondern als Partner auf Augenhöhe. Das Ziel ist es, gemeinsam die bestmögliche Lösung zu entwickeln, die über die reine Entsorgung hinausgeht.
Im Alltag bedeutet das konkret: Wir schauen uns die Prozesse beim Kunden genau an, hinterfragen sie und beraten individuell, so dass sie sich an den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort orientieren. Wenn Abfälle zum Beispiel sehr aufwendig in mehrere Fraktionen getrennt werden oder intern sehr lange Wege gehen, prüfen wir, ob sich das unter den Ansprüchen Sicherheit, Fachgerechtigkeit und Umweltverträglichkeit vereinfachen lässt. Hier ist die interne Vernetzung mit anderen REMONDIS-Gesellschaften und Partnern sehr wertvoll für unsere Kundinnen und Kunden, weil wir mit gebündeltem Know-How auftreten können – eben nicht nur im Bereich medizinischer Sonderabfall, sondern beispielsweise auch zu Chemikalien, Kehricht oder Pressmaschinen.
Gerade im Gesundheitswesen sind die Anforderungen besonders hoch. Deshalb reicht es nicht aus, nur das „Bare Minimum“ zu leisten. Gefragt sind durchdachte, zuverlässige und praxisnahe Lösungen. Genau hier setzt unser Partneransatz an: Mit einem klaren Fokus auf Sicherheit, Qualität, Service und einer Zusammenarbeit, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen unserer Kundinnen und Kunden orientiert.
Wie hat sich REMED seit der Gründung entwickelt, und welche Rolle spielen internationale Projekte und neue Partnerschaften heute für die Weiterentwicklung im Gesundheitswesen?
2022 wurde der Markt Gesundheitswesen aus dem Hauptgeschäft der REMONDIS Schweiz als Geschäftsbereich REMED herausgelöst. Zunächst standen vor allem zwei Dinge im Fokus: Stabilität schaffen und bestehende Kundenbeziehungen sichern. In dieser Phase ging es darum, Vertrauen zu gewinnen und die Basis für die weitere Entwicklung zu legen. Gleichzeitig ergab sich die Gelegenheit der Neuausrichtung, in der Prozesse und Zusammenarbeit schrittweise weiterentwickelt wurden. Diese Entwicklung war zugleich der Ausgangspunkt für einen grundlegenden Wandel hin zu einer engeren, partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit unseren Kundinnen und Kunden.
Ein weiterer wichtiger Schritt in der Weiterentwicklung des Geschäftsbereichs ist der Ausbau unserer Präsenz innerhalb der Schweiz. Durch den Aufbau von Partnerstrukturen und die Expansion ins Tessin kann REMED heute eine flächendeckende Dienstleistung in der gesamten Schweiz anbieten. Dafür arbeiten wir mit regionalen Partnern zusammen, unter anderem in Bern, der Ostschweiz und der Zentralschweiz sowie neu auch im Tessin mit RS Recupero Materiali. So können kurze Transportwege, regionale Nähe und eine effiziente Betreuung der Kundinnen und Kunden sichergestellt werden.
Zudem gewinnen internationale Projekte zunehmend an Bedeutung. Gemeinsam mit weltweit agierenden Pharmaunternehmen arbeitet REMED an Lösungen im Bereich der Kreislaufwirtschaft. Ein aktuelles Beispiel ist ein europaweites Projekt zur Sammlung und stofflichen Verwertung von Medikamentenpens. Dabei handelt es sich um Injektionshilfen zur Selbstanwendung von Medikamenten, die typischerweise aus verschiedenen Kunststoffen, Metallen und Spritzen bestehen. Die Pens werden in verschiedenen Ländern gesammelt – darunter Norwegen, Irland, Grossbritannien, den Niederlanden, Belgien, Deutschland und Österreich. In der Schweiz werden die Materialien dann getrennt und stofflich aufbereitet, damit die enthaltenen Rohstoffe nicht verbrannt, sondern als Ressource wieder in den Rohstoffkreislauf zurückgeführt werden können.
Wenn Sie eine Sache im Schweizer Abfallentsorgungssystem verändern könnten – was wäre das?
Da gibt es aus meiner Sicht zwei Themen. Das erste Thema ist das fehlende flächendeckende Kunststoffsammelsystem in der Schweiz – etwas, das mich als Österreicherin bis heute überrascht. Kunststoff ist eine wertvolle Ressource, die in vielen Bereichen sinnvoll recycelt werden kann. In der Schweiz ist es für Bürgerinnen und Bürger teilweise noch umständlich, Kunststoffe separat zu sammeln. Gerade mit Blick auf Ressourcenknappheit und Kreislaufwirtschaft sehe ich hier grosses Potenzial für die kommenden Jahre und freue mich, dass es in diesem Bereich mittlerweile sehr viel Bewegung gibt.
Zweitens würde ich mir im Gesundheitswesen mehr Standardisierung bei den Farbsystemen für medizinische Sonderabfallbehälter wünschen. Aktuell arbeitet nahezu jedes Spital mit eigenen Farbkonzepten. Beispielsweise durch unterschiedliche Kombinationen aus Behälter- und Deckelfarben. Das macht Lagerhaltungsprozesse und die interne Beschickung in Spitälern teilweise sehr komplex. Ein schweizweites einheitliches Farbleitsystem würde vieles vereinfachen: Mitarbeitende müssten sich bei einem Wechsel zwischen Spitälern nicht neu einarbeiten, die Lagerhaltung könnte vereinfacht werden und auch die internen Abläufe würden effizienter funktionieren.
Es gibt bereits einzelne Pionierspitäler in der Schweiz, deren Erfahrungen zeigen, dass solche Lösungen hervorragend funktionieren.
Vielen Dank für das Gespräch!
Bildnachweis: REMONDIS